Die Geschichte von Koh Lipe

Koh Lipe vom Gipfel auf Koh Adang aus: eine weisse Sandspitze, Wald und Boote auf dem Wasser
Koh Lipe von Koh Adang aus, 2007. Foto: Vyacheslav Argenberg, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

Die Insel

Koh Lipe ist eine kleine Insel an der Mündung der Strasse von Malakka, eingebettet in das Butang-Archipel. Es gehört heute zum Tarutao-Nationalpark mit seinen 51 Inseln.

Bedeckt von ursprünglichem Regenwald, blieb sie für Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre unbewohnt und von der Menschheit unbeachtet.

Kupferstich: Segelschiffe feuern in einer Seeschlacht vor Malakka ihre Kanonen ab
Die Seeschlacht vor Malakka, 1606 – Kupferstich, 1614. Gemeinfrei, Wikimedia Commons

Piraten und ihre Spuren

Während der portugiesischen Seefahrerzeit galt die Strasse von Malakka als eines der berüchtigtsten Gebiete für Piraterie.

Darauf stützen sich einige Theorien, die erklären wollen, woher die Wildschweine und Zwergrehe auf den umliegenden grossen Inseln stammen: Piraten sollen die Tiere dort ausgesetzt haben.

So konnten sie neben Süsswasser, das in unerschöpflichen Mengen vorhanden ist, immer wieder auch tierische Nahrung auf ihre Boote nehmen.

Pfahlhütten mit Strohdächern an einem Strand unter hohem Regenwald und Kokospalmen
Dorf der Urak Lawoi auf Koh Adang, 1990. Foto: Gerd Seyffert, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Die ersten Menschen: die Urak Lawoi

Die ersten Menschen, so lautet die Geschichte, kamen von Indonesien über Malaysia hierher. Ihr Anführer, Häuptling und Kapitän hiess To Kiri. Er erreichte die Inseln mit seiner Familie und seinen Brüdern.

Sie segelten weiter nach dem heutigen Koh Lanta, wo seine zwei Brüder blieben. Er selbst kehrte zurück und gründete hier die erste Gemeinschaft. Das war um 1910, vor gut 115 Jahren.

Die Urak Lawoi, wie sie in ihrer eigenen Sprache heissen (auf Thailändisch Chao Leh, «die Leute vom Meer»), siedelten sich auf Lipe und den umliegenden Inseln an.

Sie haben ihre eigene Sprache und Religion, die sich grundlegend von der thailändischen Sprache und Kultur unterscheiden. Beides wird bis heute gepflegt: in Gesängen, bei Anlässen und im alltäglichen Sprachgebrauch der Einheimischen.

Ein langer Betonsteg führt an einem hohen Kalkfelsen vorbei ins türkisfarbene Wasser
Ao Talo Wao auf Koh Tarutao, 2015. Foto: Rushen / Thai National Parks (thainationalparks.com), CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

Abseits der Weltgeschichte

Jahrzehntelang wurden die Urak Lawoi weder vom thailändischen noch vom malaysischen Staat beachtet. Auch die kolonialen Machenschaften Englands und Frankreichs berührten sie kaum.

Der Erste wie der Zweite Weltkrieg gingen an ihnen vorbei, ohne dass sie davon wussten. Ein Flugzeugabsturz war ihre einzige Erfahrung des ganzen Konflikts.

Die Nachbarinsel Tarutao diente kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs als politisches Gefängnis, wurde in den Wirren des Krieges aber aufgegeben. Insassen wie Wärter wurden zu Piraten, bis die englische Marine dem ein Ende setzte.

1974 erklärte der thailändische Staat das Gebiet zum marinen Nationalpark, einem der ersten des Landes, mit Tarutao als Hauptinsel. 1990 wurde der Park für das UNESCO-Welterbe vorgeschlagen, die Aufnahme wurde 1991 jedoch zurückgestellt.

All dies ging an den Urak Lawoi vorbei. Sie lebten in einer kleinen Gemeinschaft von ein paar hundert Leuten auf Lipe und den umliegenden Inseln.

Blick aus einer einfachen Strandhütte: ein Gast im Gegenlicht, weisser Sand und Longtailboote auf türkisblauem Wasser
Koh Lipe, 2007. Foto: © Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Die Anfänge des Tourismus

1990 entstand das erste kleine Resort, geführt von Thais. Der Tourismus war winzig und auf ein paar wenige Leute begrenzt.

Es gab keine Bootsverbindungen. Man musste mit einem Fischerboot herauskommen, und das ging nur, wenn denn einmal eines hierherfuhr.

Pattaya Beach im Morgengrauen: Longtailboote im Gegenlicht und Menschen, die am Wasser entlanggehen
Pattaya Beach, Koh Lipe, 2006. Foto: Philipp Schäufele (Flip666, Wikivoyage), CC BY-SA 1.0, Wikimedia Commons

Unsere Ankunft

Wir kamen im Jahr 2000 nach Lipe, ebenfalls mit einem Fischerboot. Zwei Monate verbrachten wir an einem Strand, in der Hängematte und im kleinen Zelt.

Wir fingen Fische, grillierten sie und kamen so in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Daraus entwickelte sich eine tiefe, bis heute anhaltende Freundschaft.

Einer der Einheimischen wurde ein besonders guter Freund. Er bot uns das Grundstück an, auf dem heute das Café Lipe steht.

Die Anfänge des Café Lipe: zwei Menschen räumen neben einer strohgedeckten Hütte auf, dahinter das Meer

Wie das Café Lipe entstand

Wir bauten das Hauptgebäude und begannen, Bäume zu pflanzen. So ist langsam, langsam das Café Lipe entstanden.

Zwei, drei Jahre später kamen ein paar einfache Bungalows hinzu. Damals gab es weder Strom noch Boote, die Material brachten.

Wir mussten alles selbst herbringen und errichten. Was man heute sieht, ist unsere Handarbeit.

Der grosse Umschwung

Über die Jahre entwickelte sich der Tourismus, und es kamen immer mehr Leute auf die Insel. Der grosse Umschwung kam vor etwa 15 Jahren, als eine private Gesellschaft Strom auf die Insel brachte.

Das führte zu einem riesigen Aufschwung des Tourismus, mit Gutem und Schlechtem.

Die Einheimischen waren darauf nicht vorbereitet. Ihre ursprüngliche Lebensart wird verdrängt: durch grosse Resorts und Hotelkomplexe, die Land in Besitz nehmen, und durch die Überfischung.

Auch der Nationalpark setzt seine Gesetze immer strenger durch. Das nomadische Leben auf den umliegenden Inseln wird dadurch zunehmend eingeschränkt.

Zugleich erleichtern Spital, Gesundheitsversorgung, Nahrungsmittel und Kleider, die nun viel einfacher auf die Insel kommen, das Leben der Einheimischen.

Einige von ihnen haben die Gelegenheit ergriffen und eigene Resorts aufgebaut. Das Einkommen erlaubt ihnen, ihre Kinder auf dem Festland zur Schule zu schicken. Es ist eine zweiseitige Geschichte.

Ausgebleichte Treibholzwurzeln im klaren, flachen Wasser, dahinter ein Longtailboot an einer Sandbank
Koh Adang, 2007. Foto: © Vyacheslav Argenberg, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Lipe heute

Für uns ist Lipe nach 26 Jahren immer noch eine schöne Insel, die sich verändert hat, im positiven wie im negativen Sinn. Die Freundschaft zu den Einheimischen ist geblieben.

Die unbewohnten Nachbarinseln Koh Adang, Koh Rawi, Koh Dong, Koh Yang, Koh Hin Ngam, Koh Lek und viele kleinere sind noch in ihrem unberührten Zustand und von unglaublicher Schönheit.

Wenn wir mit dem Boot hinausfahren, ist es jedes Mal atemberaubend: die Natur, die Korallenriffe, die Fische, das Leben im Meer.